Besseres Aussehen führt zu verminderter Beschäftigung damit?

... hilfe bei der anwendung des buches "kognitive verhaltenstherapie bei körperdysmorpher störung"

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Beitrag von nicky20 » So Sep 06, 2009 10:29 pm

Ich meine es anders herum – Weglassen von Sicherheitsverhaltensweisen + sich aussetzen sozialer Kontakte führt wieder dazu das man zu der Einschätzung kommt, dass man mehr zu bieten hat als das Aussehen.
Ich glaube, das ist ein wichtiger Effekt... Aber alles löst es bei mir damit nicht. Auch wenn ich die Erfahrung mache, dass mich Leute akzeptieren und "ich noch anderes zu bieten habe als das Aussehen", bleibt das ungelöste Problem Aussehen noch. Es verliert gewiss stark an Wichtigkeit und man fühlt sich sicherer... (falls man tatsächlich in der KDS-Spirale war und das Aussehen so wichtig fand)


Doch glaube ich, dass der andere Effekt...

Beziehungen("Aussehen ist gut genug"), Fotos, Spiegel ---->Sicherheit, dass das Aussehen kein Problem ist ----> Kopf frei für andere Lebensinhalte

...dass dieser Effekt auch sehr wichtig ist, bis das Problem Aussehen wirklich GANZ vom Tisch ist.

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Beitrag von nicky20 » So Sep 06, 2009 10:51 pm

Ich glaube Sie haben mich falsch verstanden – wenn sie zuerst versuchen sich darüber klar zu werden ob Ihr Aussehen O.K. ist, werden Sie keine Sicherheit bekommen. Das ist die KDS-Spirale.
Meine Meinung:
Dieser Weg (links), dass man durch Beziehungen und direkte Einschätzung des Aussehens zur Sicherheit kommt, existiert.

Aber bei KDS ist er blockiert, wegen braunem und orangen Feld und evtl. auch, weil Beziehungen erst gar nicht da sind.

Dass man durch Beziehungen anderes als nur das Aussehen wahrnimmt, das Aussehen damit weniger wichtig wird und so eher eine Sicherheit möglich wird, diesen Effekt kann ich auch sehr gut nachvollziehen.

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Beitrag von nicky20 » Mo Sep 07, 2009 12:43 am

Wenn Sie sich erst dann mit anderen Menschen annähern können, wenn Sie sicher sind, dass ihr Aussehen O.K. ist bleiben Sie von Ihrem Aussehen abhängig, da ja dann sozialer Kontakt immer mit einer Bedingung verknüpft ist (ausreichend gutes Aussehen). Um das dann herzustellen muss man sich wieder mit seinem Aussehen beschäftigen ...Wenn ich mich nur dann meiner Umwelt aussetze, wenn ich mein Aussehen O.K. finde, kann ich ja nie mehr die Erfahrung machen, ob ich nicht auch O.K. bin wenn ich mal nicht so gut aussehe (z.B. ein paar mehr Pickel, Müdigkeit, Krankheit usw.). Erst wenn man sich auch dann seiner Umwelt aussetzt wenn man sich unzureichend findet, wird man grundlegende und nicht bedingte Sicherheit erhalten.
ja, schon. :lol:
ich zeige mich auch unzurechtgemacht und schliesse daraus: "auch nicht zurecht gemacht, ist mein Aussehen ok für diese Beziehung" und bekomme dann Sicherheit.


Wenn man sich nur nach einer aufwändigen Schminkprozedur zeigt, kann man durch Beziehungen nur lernen:
"Also so zurecht gemacht, ist mein Aussehen ok für diese Beziehung".

Mit diesem Vermeidungsverhalten können Beziehungen dann gar nicht zu der Sicherheit führen, dass es einem auch ungeschminkt oder voll kränklich aussehend möglich ist, seine Ziele zu erreichen.
Beziehungen können dann nur dafür führen, dass man sich sicher wird, geschminkt kein Problem zu haben.
Sicherheit ist also nur soweit erreicht als dass man darauf trauen kann, dass die Schminke gut sitzt.

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Beitrag von Dipl.-Psych. S.Brunhoeber » Mo Sep 07, 2009 5:56 am

Hallo Nicky,

erst sicher zu sein, dass das Aussehen O.K. ist funktioniert nicht. Vor allem wenn man perfektionistische Ansprüche hat. „Erst wenn ich 100%ig sicher sein kann, dass mein Aussehen O.K. ist, kann ich wirkliche Sicherheit bekommen. Sie werden diese 100%ige Sicherheit nie bekommen, da Sie nie 100% der Leute gefallen werden. Das schafft keine(r). Selbst die Schönsten der Schönen nicht. Wenn Sie es schaffen zu sagen das Sie bei 50% bzgl. Ihres Äußeren gut ankommen ist das doch schon eine Menge, das sind immerhin in Deutschland 41 Millionen Menschen. Wichtig ist die Gelassenheit und Toleranz zu entwickeln, dass man nicht allen gefallen kann und sich dann einfach sagt, dass man sich nur mit denen abgibt, für die man O.K. ist.

Jeder Mensch wünscht sich ein Kontrollgefühl zu haben. Auch bei der KDS spielt das eine große Rolle. Aber hier ist die Frage über was man Kontrolle bekommt – über sein Leben oder über ein paar Details. Psychische Erkrankungen beinhalten häufig ein dysfunktionales Kontrollelement (nur bei Depressionen nicht, da hat man das Gefühl, keine Kontrolle mehr zu haben).

Ein Beispiel dysfunktionaler Kontrollmechanismen:
Personen mit Kontrollzwängen kontrollieren häufig Dinge wie Herd, Türschlösser, Fenster usw. Sie wollen über das Kontrollieren der Dinge Sicherheit bekommen. Kurzfristig schafft das immer wieder Kontrollieren eine Sicherheit, negative Gefühle wie Unsicherheit und Angst bauen sich kurzfristig ab. Da die Betroffenen sich selber nicht ausreichend beruhigen können, dass das z.B. der Herd nun aus ist und noch eine Restunsicherheit besteht (erst bei nahezu 100%iger Sicherheit kann man sich beruhigen), kontrollieren sie immer weiter, bis das negative Gefühl abgebaut ist. Mit der Zeit verlieren Personen mit Kontrollzwängen aber immer mehr die Kontrolle über ihre Zwänge, der Zwang übernimmt die Kontrolle, wenn man den beunruhigenden Gedanken wie z.B. „Ist der Herd aus? Oh Gott was passiert wenn das Haus abfackelt usw.“ nachgibt. Den Personen entgleitet immer mehr die Kontrolle darüber, wie häufig sie kontrollieren wollen. Wichtig wäre für die Betroffenen zu lernen, sich selbst zu beruhigen und auch mit 90%iger Sicherheit leben zu können. Erst dann werden sie dem Zwang ausreichend Widerstand entgegen bringen können.

Genauso funktioniert das mit der KDS. Indem man sich kurzfristig mit dem Aussehen beschäftigt hat man das Gefühl von Kontrolle, man kann scheinbar was dagegen tun. Langfristig übernimmt aber die KDS die Kontrolle und zwingt einen sich immer über die Beschäftigung mit dem eigenen Äußeren zu beruhigen. Auch hier wäre es wichtig eben mit Unsicherheit leben zu lernen, hierfür eine größere Toleranz zu entwickeln und sich selber durch andere Dinge, wie z.B. hilfreiche, beruhigende Gedanken beruhigen zu lernen.

Viele Grüße

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Beitrag von nicky20 » Mo Sep 07, 2009 12:10 pm

Jeder Mensch wünscht sich ein Kontrollgefühl zu haben. Auch bei der KDS spielt das eine große Rolle. Aber hier ist die Frage über was man Kontrolle bekommt – über sein Leben oder über ein paar Details.
erst sicher zu sein, dass das Aussehen O.K. ist funktioniert nicht. Vor allem wenn man perfektionistische Ansprüche hat.
Jo, wenn einem das Aussehen von Anfang und sowieso nicht das wichtigste ist, dann kann man bei Unsicherheit viel leichter zu Sicherheit kommen..... es reicht zu bemerken, dass man im Leben gut mit dem Aussehen gut zurecht kommt, die Sicherheit ist also leichter zu erreichen. (Pfeil im Modell links, vom braunen Feld zur Sicherheit).

Erst wenn man perfektionistisch ist, kann man nie genug gut aussehen und damit keine Sicherheit erreichen. Auch wenn man Probleme immer wieder aufs Aussehen schiebt, ist es nicht möglich bzgl. dem Aussehen sicher zu sein. Wenn einem das Aussehen sehr wichtig ist, und man denkt nichts anderes als das Aussehen zu haben, muss man auf der Hut sein, und immer wieder schauen ob das Aussehen wirklich ok ist... auch dann ist es schwieriger Sicherheit zu erreichen, da kleine Makel schon die Sicherheit gefährden. Wenn Erinnerungen beim eigenen Anblick kommen, fällt es noch schwerer, sich mit dem eigenen Aussehen wohl und sicher zu fühlen. Wenn man sich nicht auf Beziehungen abstützen kann, und nur mit Fotos und Spiegel sein Aussehen einschätzen will, ist diese Einschätzung einfach noch nicht vollständig. Man hat dann noch nicht so den Anhaltspunkt, ob man "genug schön" ist. Wenn man sehr schlechte Beziehungserfahrungen gemacht hat (Mobbing), weiss man nicht ob man guten Beziehungen jetzt plötzlich trauen kann, und kann sich dann zur zuverlässigen Einschätzung ob das Aussehen ok ist, nicht so auf Beziehungen verlassen. "einmal sagen alle ich wäre hässlich und stossen mich aus, jetzt haben mich Leute plötzlich gerne????Was soll ich denn davon halten??"

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Beitrag von nicky20 » Mo Sep 07, 2009 12:20 pm

Wenn das braune Feld so ausgeprägt ist wie links, dann erleichtert es Sicherheit zu gewinnen, wenns so ausgeprägt ist wie bei KDS es, verhindert es (noch mit anderen Faktoren zusammen) Sicherheit zu gewinnen.
Ist es nachvollziehbar, wie ich Ihre Gedanken und die Inhalte Ihres Manuals mal in diesen Zusammenhang setze?

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Beitrag von shinrigakusha » Mo Sep 07, 2009 1:12 pm

Leider konnte ich bei mir noch keinen Lernprozess feststellen...wenn ich für meine Ansprüche nicht perfekt war, z.B. meine Haut mir uneben erschien und man dies auch in den Lichtverhältnissen, in denen ich mich aufhielt sehen konnte, oder aber mein Augenmakeup nicht perfekt war, und dann längere Zeit in sozialen Situationen mit Leuten war, bei denen ich mir sicher war, dass sie mich mochten und die Zeit mit mir genossen, dann bereue ich diese Momente im Nachhinein, da ich nicht das von mir erhoffte Bild bei diesen Menschen hinterlassen konnte, oder aber weil ich dachte, jetzt finden sie mich doch nicht mehr hübsch, schließlich habe sie dich so gesehen. Ich bin bisweilen regelrecht wütend auf mich, wie ich so nachlässig sein konnte und mich gerade in diesen Momenten mit jemandem treffen konnte.

Es gibt sehr viele Menschen, von denen ich ganz sicher weiß, dass sie mich vollkommen unabhängig von meinem Aussehen mögen, doch dadurch erlange ich keine Sicherheit...

...andererseits geben mir auch Komplimente von außen keine Sicherheit, da ich dann die Angst habe, bei genauerer Betrachtung würde dieses Kompliment sicher relativiert und die günstigen Umstände der Situation seien dafür verantwortlich (Licht, gelungenes Make-Up und Styling).

Es ist unglaublich schwer, aus diesen Kognitionen auszubrechen, es gelingt mir ganz und gar nicht. Zumal ich noch immer denke, dass mein Aussehen nun mal wirklich defizitär ist und ich eine sehr seltsame Haut habe. Ich meine, ich sehe doch diese Haut im Spiegel und auch im Vergleich mit anderen Menschen...ich glaube einfach nicht, dass meine Wahrnehmung so verzerrt sein kann. Warum sehe ich dann nicht auch andere Menschen derart kritisch?

Nicky, es freut mich außerordentlich für Dich, dass Dir die OP so viel gebracht hat. Ich fürchte bei mir, dass sich die Beschäftigung mit dem Äusseren dadurch noch verstärken wird, zum einen, weil der zentrale Problemfaktor "Haut" bestehen bleibt, und zum anderen, weil ich Angst habe, ein perfektes Ergebnis wie auf der Simulation zu erwarten. Es könnte somit sein, dass das Problemfeld "Nase-Kinn" dann auf unangenehme Art und Weise wieder zentral wird. Ich merke auch, dass mir nun weitere Dinge ins Auge springen, z.B. die asymmetrischen Ohren...ich überlege hin und her, den Chrirugen zu fragen, ob er das nicht gleich mit richten könnte, meine Liste wird immer länger (Permanent Makeup der Augenbrauen, Zahnbleaching ung vielleicht sogar Zahnspange nach der OP angedacht)...ich wünschte mir so sehr, es verliefe wie bei Dir und ich hätte endlich meine Ruhe :(

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Beitrag von nicky20 » Mo Sep 07, 2009 2:11 pm

Bild

Darf ich mal zusammenfassen?

Ag (gewöhnlich): Beziehungen, die den Schluss zulassen: "mein Aussehen ist für diese Beziehunge anscheinend gut genug", führen zusammen mit Video oder Spiegelrückmeldungen und fakultativ auch noch mit einer Verbesserung des Aussehens zu der Sicherheit, dass das Aussehen kein Problem ist

Bg: Die Sicherheit, dass das Aussehen kein Problem ist, macht den Kopf frei sich auf anderes zu konzentrieren.

Cg: Beziehungen, die den Schluss zulassen "ich habe mehr als das Aussehen zu bieten" führen dazu, dass man sich bewusst wird, was neben dem Aussehen noch da ist. Damit ist das Aussehen nicht soooooo wichtig.
Stellen Sie sich vor, Sie gehen in einem Zustand aus dem Haus, in dem Sie Ihr Aussehen völlig inakzeptabel finden und treffen sich dann mit irgendwelchen Leuten. Sie merken dann, dass diese Sie nicht ablehnen und sogar mögen. Das lässt ja nur den Schluss zu, dass es scheinbar nicht das Äußere sein kann, was die anderen an einem mögen. Es muss also irgend etwas anderes der eigenen Person sein. Indem man sich dann auf die Suche macht, warum die anderen gerne mit einem zusammen sind, kann man wieder die anderen Aspekte seiner Person wahrnehmen.
Dg: Wenn man das Aussehen nur als ein Faktor unter vielen einstuft und Probleme selten dem Aussehen anlastet, erleichtert dies, Sicherheit zu gewinnen dass das Aussehen kein Problem ist.
Wenn Sie es schaffen zu sagen das Sie bei 50% bzgl. Ihres Äußeren gut ankommen ist das doch schon eine Menge, das sind immerhin in Deutschland 41 Millionen Menschen. Wichtig ist die Gelassenheit und Toleranz zu entwickeln, dass man nicht allen gefallen kann und sich dann einfach sagt, dass man sich nur mit denen abgibt, für die man O.K. ist
Wenn ich dann weiß was ich einer Person außerhalb meines Äußeren zu bieten habe, macht mich das sicherer, mit der Zeit bekommt das Aussehen einen immer geringeren Stellenwert.

Ak: dieser Weg ist blockiert, weil Ck nicht da ist , weil Ek und Dk es verhindern, durch Beziehungen und Fotos etc. Sicherheit zu gewinnen. Der Weg ist auch blockiert, wenn man sich in Beziehungen nicht unverblümt zeigt, sondern Sicherheitsverhalten hat:
Wenn Sie sich erst dann mit anderen Menschen annähern können, wenn Sie sicher sind, dass ihr Aussehen O.K. ist bleiben Sie von Ihrem Aussehen abhängig, da ja dann sozialer Kontakt immer mit einer Bedingung verknüpft ist (ausreichend gutes Aussehen). Um das dann herzustellen muss man sich wieder mit seinem Aussehen beschäftigen ...Wenn ich mich nur dann meiner Umwelt aussetze, wenn ich mein Aussehen O.K. finde, kann ich ja nie mehr die Erfahrung machen, ob ich nicht auch O.K. bin wenn ich mal nicht so gut aussehe (z.B. ein paar mehr Pickel, Müdigkeit, Krankheit usw.).
Bk: Da Sicherheit gar nicht vorhanden ist, kommt dieser Weg gar nicht zustande.

Ck: Wenn keine Beziehungen da sind, die den Schluss erlauben: "ich habe mehr als das Aussehen zu bieten, kommt dieser Weg gar nicht zustande.

Dk: Aussehen als wichtigster Teil der Identität macht das Thema Aussehen sehr heikel. Es ist so wichtig, ja keine Makel zu haben, dass man eine Sicherheit kaum erreichen kann. Wenn Probleme sehr oft dem Aussehen zugeschoben werden, erschwert dies, Sicherheit zu erlangen. Wie Dk entsteht, entspricht grossen Teilen Ihres Ursachenmodells auf S. 74-76.
Sie beschreiben auf diesen Seiten sinngemäss noch weiter, dass man scheinbare Kontrolle mit der Beschäftigung mit dem Aussehen erreichen kann und einem dann als Rückschluss noch "klarer" wird, wie wichtig das Aussehen ist. Gleichzeitig ist es aber (Dk) auf nicht möglich, wirkliche Sicherheit zu erlangen, wenn einem das Aussehen immer wichtiger wird.

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Beitrag von nicky20 » Mo Sep 07, 2009 4:22 pm

noch ein kleines Upgrade...
Fk: S. 74-76. Sie beschreiben auf diesen Seiten sinngemäss noch weiter, dass man scheinbare Kontrolle mit der Beschäftigung mit dem Aussehen erreichen kann und einem dann als Rückschluss noch "klarer" wird, wie wichtig das Aussehen ist.
Bild

Sind die Zusammenhänge im Modell nun nachvollziehbar und fühlt es sich nicht mehr an als würde ich Ihre Gedanken verdrehen?

LG, nicky

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Beitrag von Dipl.-Psych. S.Brunhoeber » Di Sep 08, 2009 7:33 am

Hallo Nicky,

beim Normal-Modell ist der Haken das sich diese Personen nicht automatisch vor den Spiegel stellen und überprüfen müssen, ob das Aussehen O.K. ist. Sie hören negative Reaktionen und gehen gedanklich anders damit um. Die Interpretationen der negativen Rückmeldungen sind andere z.B. „Habe ich die andere Person verletzt, dass sie mich jetzt angreifen muss?“ oder „Ja und, mir geht es ja heute auch nicht gut. Ist ja normal, dass ich da nicht gut aussehe. Wird schon wieder besser wenn es mir auch besser geht“
Die Sicherheit kommt von innen, nicht von außen. Spiegelbilder oder Videos haben daher keinen so großen Einfluss auf das Selbstbild. Selbst wenn man sich im Spiegel mal nicht gefallen sollte geht man eher so damit um, dass man auf die positiven Seiten der eigenen Person fokussiert, die man anderen zu bieten hat. Es ist bei den meisten nicht so, dass erst diese Schlussfolgerungen, „mein Aussehen muss O.K. sein“ da sind, sondern i.d.R. ist die Grundhaltung „Ich bin als Mensch so O.K. wie ich bin, ich bin liebenswert von Anfang an da, meist vermittelt durch eine liebevolle Erziehung und frühe positive zwischenmenschliche Erfahrungen.
Außerdem halten die Personen andere Lebenspläne für wichtiger als das Aussehen und wenden sich daher diesen zu. Es gibt nicht erst die Bedingung: „Ich muss äußerlich O.K. sein, damit ich mich anderen Dingen zuwenden kann.“ Aber es gibt den Zusammenhang: Ich wende mich anderen Dingen zu, über diese erhalte ich Freunde Erfolg, Stolz usw. und die zeigen mir das ich mehr bin als mein Aussehen.

Was außerdem in dem Modell berücksichtigt werden sollte ist die Gefühlsregulationskomponente, die zentral für die Aufrechterhaltung der KDS ist. Wenn man seine eigenen negativen Emotionen nur über die Beschäftigung mit dem eigenen Äußeren regulieren kann, kann man tatsächlich sich auch ein positiven soziales Umfeld aufbauen, ohne das die KDS dadurch verschwindet. Es erfordert eben neue Strategien, sich selbst zu beruhigen als dies über die Beschäftigung mit dem eigenen Äußeren zu tun.


Hallo Shinrigakusha,
Leider konnte ich bei mir noch keinen Lernprozess feststellen...wenn ich für meine Ansprüche nicht perfekt war, z.B. meine Haut mir uneben erschien und man dies auch in den Lichtverhältnissen, in denen ich mich aufhielt sehen konnte, oder aber mein Augenmakeup nicht perfekt war, und dann längere Zeit in sozialen Situationen mit Leuten war, bei denen ich mir sicher war, dass sie mich mochten und die Zeit mit mir genossen, dann bereue ich diese Momente im Nachhinein, da ich nicht das von mir erhoffte Bild bei diesen Menschen hinterlassen konnte, oder aber weil ich dachte, jetzt finden sie mich doch nicht mehr hübsch, schließlich habe sie dich so gesehen. Ich bin bisweilen regelrecht wütend auf mich, wie ich so nachlässig sein konnte und mich gerade in diesen Momenten mit jemandem treffen konnte.
Das bei Expositionsübungen Unsicherheit entsteht ist normal. Ich würde noch einige schritte weiter gehen als nur das Augenmake-Up nicht perfekt machen, sondern bewusst schlecht machen und dann auf die Reaktionen der anderen schauen. Wichtig ist bei den Expositionsübungen nicht die Aufmerksamkeit nach innen auf die eigene Unsicherheit zu lenken, da diese ja nur ein Produkt der eigenen Gedanken ist. Man muss die Aufmerksamkeit nach außen richten und anhand der Reaktionen und blicke der anderen überprüfen, ob diese das für schlimm halten, ob die sich anders verhalten als sonst usw. Meist stellt man dann fest das es keine Unterschiede gibt. Bei vielen meiner Patientinnen, die sich immer sehr perfekt geschminkt hatten, reagierte das Umwelt sogar positiv und Menschen, die vorher nichts mit der Patientin zu tun haben wollten kamen auf die Patientinnen zu, da sie nun menschlicher und nicht mehr maskenhaft und unnahbar wirkten. Expositionsübungen funktionieren aber erst dann richtig gut, wenn man sie hintereinander über einen längeren Zeitraum macht (z.B. eine Woche) und nicht nur mal hier und da.

Es gibt sehr viele Menschen, von denen ich ganz sicher weiß, dass sie mich vollkommen unabhängig von meinem Aussehen mögen, doch dadurch erlange ich keine Sicherheit...
Dann wäre es gut hier nachzufragen, warum die Menschen gerne mit Ihnen zusammen sind, um herauszufinden, was Sie außer Ihrem Aussehen noch zu bieten haben. Was glauben Sie selber warum diese Menschen Sie mögen?
...andererseits geben mir auch Komplimente von außen keine Sicherheit, da ich dann die Angst habe, bei genauerer Betrachtung würde dieses Kompliment sicher relativiert und die günstigen Umstände der Situation seien dafür verantwortlich (Licht, gelungenes Make-Up und Styling).
Langfristige Sicherheit würden Sie dadurch erhalten, wenn Sie sich mal sehr unvorteilhaft zeigen würden und Sie dann merken, auch das ist für andere O.K. So sind Sie ja nur sicher, weil Sie sich gut zurecht gemacht haben.
Es ist unglaublich schwer, aus diesen Kognitionen auszubrechen, es gelingt mir ganz und gar nicht. Zumal ich noch immer denke, dass mein Aussehen nun mal wirklich defizitär ist und ich eine sehr seltsame Haut habe. Ich meine, ich sehe doch diese Haut im Spiegel und auch im Vergleich mit anderen Menschen...ich glaube einfach nicht, dass meine Wahrnehmung so verzerrt sein kann. Warum sehe ich dann nicht auch andere Menschen derart kritisch?
Da Sie sich anscheinend doch viel wert sind. Sie möchten nicht bei anderen schlecht ankommen. Ob andere bei anderen schlecht ankommen, kann Ihnen ja eher egal sein, da es sie nur peripher betrifft. Daher die starken Gefühle bei sich und die Egal-Gefühle bei anderen.

Viele Grüße

Stefan Brunhoeber
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Beitrag von nicky20 » Di Sep 08, 2009 4:48 pm

Bild

es wird immer komplizierter...
beim Normal-Modell ist der Haken das sich diese Personen nicht automatisch vor den Spiegel stellen und überprüfen müssen, ob das Aussehen O.K. ist. Sie hören negative Reaktionen und gehen gedanklich anders damit um. Die Interpretationen der negativen Rückmeldungen sind andere z.B. „Habe ich die andere Person verletzt, dass sie mich jetzt angreifen muss?“ oder „Ja und, mir geht es ja heute auch nicht gut. Ist ja normal, dass ich da nicht gut aussehe. Wird schon wieder besser wenn es mir auch besser geht“
Die Sicherheit kommt von innen, nicht von außen. Spiegelbilder oder Videos haben daher keinen so großen Einfluss auf das Selbstbild. Selbst wenn man sich im Spiegel mal nicht gefallen sollte geht man eher so damit um, dass man auf die positiven Seiten der eigenen Person fokussiert, die man anderen zu bieten hat. Es ist bei den meisten nicht so, dass erst diese Schlussfolgerungen, „mein Aussehen muss O.K. sein“ da sind, sondern i.d.R. ist die Grundhaltung „Ich bin als Mensch so O.K. wie ich bin, ich bin liebenswert von Anfang an da, meist vermittelt durch eine liebevolle Erziehung und frühe positive zwischenmenschliche Erfahrungen.
Außerdem halten die Personen andere Lebenspläne für wichtiger als das Aussehen und wenden sich daher diesen zu. Es gibt nicht erst die Bedingung: „Ich muss äußerlich O.K. sein, damit ich mich anderen Dingen zuwenden kann.“
ich hoffe mal, dass dies auch aus dem Modell ablesbar ist...

Spiele es mal durch.

Julie (15), wird von einem Jungen abgelehnt. Eine giftige Mitschülerin sagt: "die meinte wohl ernst, der Junge will was von ihr, mit dieser Nase…tsss". Von da an ist Julie sehr verunsichert über ihr Aussehen.

Spiegel und Fotos lassen keine eindeutige Einschätzung zu, ob ihre Nase nun schön ist oder nicht. Beziehungen: sie hat welche und weiss dass sie genug schön ist dafür. Wenns aber um Jungs geht...? In dieser Hinsicht besteht noch keine Beziehung, keine Infos. ihr wird gleichzeitig von Freundinnen gesagt, dass sie gut aussieht und ihr wird gesagt, dass die Giftzicke nur sich selbst aufwerten wollte mit der Aussage.
Weg A ist noch leicht blockiert, da sie noch keine Beziehung mit einem Jungen hatte und damit nicht ganz sicher ist, ob ihr Aussehen das nicht kompliziert macht. Nach Aussagen ihres Umfeld geht sie nun aber stark davon aus, dass sie wohl sogar hübsch ist...

Sie weiss auch, dass sie viel mehr als nur das Aussehen hat, das an ihr gemocht wird. Weg Cg ist voll ausgeprägt.

Auch hat sie durch Bindungserfahrungen grundsätzlich das Gefühl, dass sie geliebt und geschätzt wird. Sie hat daher den Eindruck, dass es mehr als reicht, wenn sie "einfach nicht grad voll hässlich" aussieht, um keine Probleme wegen dem Aussehen zu haben. Weg Eg.

Grad durch das Gespräch mit den Freundinnen und sowieso, überlegt sie sich stark ob die Giftzicke sie nur dumm angemacht hatte, und dass es vielleicht gar nicht stimmt, was sie sagte. Sie empfindet es im Nachhinein als Frechheit, wie die Mitschülerin sie abwertete. Sie empfindet es als sehr frech, dass sie verunsichert wurde, ob sie wegen der Nase als ganze Person zu minderwertig für Jungs wäre.
Weg Dg.

Weg Ag: kommt damit schon recht stark zustande. Sie denkt über ihr Aussehen nach und findet es nun sehr unwahrscheinlich, dass sie von der Mehrzahl der Jungs wegen einer - im Spiegel nicht mal hässlichen - NASE als ganze Person abgelehnt werden würde.

Weg Bg: Sie kann sich damit nun auf anderes konzentrieren. Zum Beispiel auf Gespräche und Unternehmungen mit Freundinnen und Jungs.

Irgendwann hat sie die erste Beziehung, und es ist ihr damit gaaaanz klar, dass sie auch von Jungs nicht wegen der Nase abgelehnt wird. Mit Weg A und B ist das Thema Verunsicherung wegen dem Aussehen vom Tisch.

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Beitrag von nicky20 » Di Sep 08, 2009 6:53 pm

Beispiel 2.

Mirjam (32) hat bereits schon 12 Schönheitsoperationen hinter sich, sieht aus wie ein Model, findet sich aber extrem hässlich. Sie merkt allmählich, dass eine weitere Schönheitsoperation diese Hässlichkeit auch nicht weg machen kann und ist schon relativ verzweifelt. Sie denkt allmählich drüber nach, ob es ein psychisches Problem sein könnte, findet aber keinen Ansatz was dieses hypothetische psychische Problem sein könnte.

Sie merkt, dass sie sich noch 1000 mal operieren lassen kann, und immer noch keine Sicherheit gewinnen würde, dass das Aussehen kein Problem darstellt. Weg A ist offensichtlich blockiert, sie KANN keine Sicherheit erreichen. Weg B ist so auch nicht vorhanden.

Ihr ist es sehr wichtig, ja nicht hässlich auszusehen, denn sie möchte auf keinen Fall wieder wegen dem Aussehen gemobbt und ausgestossen werden (Schutzfunktion). Dies führt dazu, dass sie sich erst sicher sein kann, dass das Aussehen kein Problem ist, wenn das Aussehen soooo gut ist, dass es niemals geschehen kann, dass jemand einen abschätzigen Kommentar über sie ablässt. Weg Dk ist also extrem ausgeprägt und führt dazu, dass es ein unerreichbar perfektes Aussehen bräuchte, um Sicherheit zu gewinnen.

Bislang hat sie das Aussehen verbessert, wenn sie Angst hatte jemand könnte sie abwerten. Es hat zu Erfolg geführt, sie hörte tatsächlich nie mehr, dass sie "eine fette Nase" hatte, oder dass sie dick wäre. Daraus schloss sie, dass wirklich das Aussehen Grund für die Probleme war, und dass es wichtig ist gut auszusehen. Aussehen ist für ihr Lebensglück sehr wichtig geworden und Makel könnten ihr ganzes Lebensglück gefährden. Weg Dk ist auch damit sehr ausgeprägt.
Ek ist auch ausgeprägt.

Schlussendlich kommt sie nie zur Sicherheit, dass das Aussehen gut genug ist, und schliesst daraus, dass sie zu hässlich wäre. (ist nicht im Modell) Sie stellt sich immer wieder vor den Spiegel und sucht, WAS denn so hässlich macht. Sie betrachtet ihre Haut ganz genau und findet tatsächlich Unreinheiten, die erklären was sie eigentlich so hässlich macht. (Selektive Wahrnehmung).

Sie hat eigentlich Beziehungen, aus denen sie schliessen kann, dass sie genug hübsch wäre. Aber dadurch, dass sie keine Sicherheit erreicht, schliesst sie, dass sie doch wirklich zu hässlich ist, und dass diese Freunde einfach eine Ausnahme sind. Fotos und Spiegel sind nicht mehr zuverlässig (wegen selektiver Wahrnehmung) und Beziehungen sieht sie als Ausnahme. Weg A ist auch von daher total blockiert.

Sie hat andererseits aber schon Beziehungen, und merkt dass sie neben dem Aussehen eigentlich noch anderes hat, das sie liebenswert macht. (Weg Cg). Dieser Effekt ist aber deutlich schwächer, als Fk und Dk.

Ihr Problem besteht also darin, dass sie wegen Fk und Dk und Ek ein Aussehen bräuchte, das sie 100% davor schützt, je wieder abgewertet zu werden. Dieses Sicherheitslevel ist durch Weg A nicht erreichbar. Sie wird nie zur Information gelangen, dass ihr Aussehen diese Anforderungen erfüllt. Weg A ist damit nicht möglich.
Durch selektive Wahrnehmung ist auch die Information über ihr Aussehen nicht zuverlässig. Ihre Freunde, die ihr Aussehen gut finden, sieht sie als Ausnahme. Weg A ist auch daher blockiert. Und Weg B kommt damit nicht zustande.
Sie ist weiterhin sehr verunsichert über ihr Aussehen und verzweifelt fast. Und das, obwohl sie aussieht wie ein Model. :cry:

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Beitrag von nicky20 » Mi Sep 09, 2009 2:16 am

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Vielen Dank für die ausführliche Diskussion. Bringt mich sehr ins Nachdenken....
Habe noch einige Effekte eingefügt, die Sie immer wieder betonen. also alle die Felder, welche zu Blockierungen führen, sind eigentlich die Entstehungs- oder aufrechterhaltenden Faktoren aus Ihrem Manual. Hier einfach in Zusammenhang mit den Wegen A und B gesetzt. (Das erklärt dann nämlich warum Schönheitsops einerseits zu Sicherheit und Relaxtheit führen, andererseits eine KDS auch verschlimmern können...um an den Anfang zurückzukommen :twisted: :twisted: ) Kann man das so machen? Und fehlt noch was? hoffe man kann die Buchstaben diesmal entziffern...
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Beitrag von Dipl.-Psych. S.Brunhoeber » Mi Sep 09, 2009 5:42 am

Hallo Nicky,

es fehlen noch zwei wesentliche Dinge:

1. Die Gefühlsregulation an sich. Es ist nicht alles nur ein kognitives Problem, sondern wie ich schon angeführt habe ein Problem, sich selber beruhigen zu können und alternative funktionale Emotionsregulationsstrategien zu entwickeln.

2. Die unzureichenden Bewältigungskompetenzen. Hierzu zählen soziale Kompetenzen wie Recht durchsetzen, sich wehren können, Kritik äußern und annehmen, um Sympathie werben usw., außerdem müssen viele KDS-Betroffene lernen, gut mit sich umgehen, sich selbst zu loben usw. Auch die Entwicklung von Problemlösestrategien ist wichtig. Häufig wird sich ja auch über die Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen von Problemen abgelenkt, da man nicht weiß, wie man diese lösen kann.

Viele Grüße

Stefan Brunhoeber
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Beitrag von nicky20 » Mi Sep 09, 2009 10:15 am

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