Wie geht das?

... hilfe bei der anwendung des buches "kognitive verhaltenstherapie bei körperdysmorpher störung"

Moderator: Dipl.-Psych. S.Brunhoeber

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nicky20
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Wie geht das?

Beitrag von nicky20 » Di Apr 28, 2009 3:07 pm

Sehr geehrter Herr Brunhoeber,

ich habe eine bedingte Annahme, wie Sie auch im Buch erklärten (S. 130 und S. 164): Wenn ich schlecht aussehe, dann darf mich jeder fertig machen dafür, dann braucht niemand mehr Respekt zu wahren, werde entwürdigt. Wenn ich schlecht aussehe, findet es niemand wichtig, mich würdevoll zu behandeln, sondern spricht mir jegliche Würde ab und nimmt keine Rücksicht auf meine Gefühle.
Daher ist es enorm wichtig, nicht schlecht auszusehen. Sonst habe ich keine Würde und da mir jegliche Würde abgesprochen wird und die Leute mich minderwertig finden (sodass sie mich evtl. auch wieder mobben würden), habe ich auch schlechtere Chancen im Berufs- und Privatleben. Also muss ich UNBEDINGT mein Aussehen verändern und gut aussehen und habe eine RIESENPANIK davor, schlecht auszusehen.

Eine viel logischere Alternative ist: Niemand darf mich entwürdigen, unabhängig davon wie ich aussehe, und wenn einer es nur schon versucht, mir die Würde abzusprechen, kriegt er eins aufs Dach. Ich finde ja auch nicht, dass andere entwürdigt werden dürfen.

Dann taucht jetzt die Frage auf: Wie ist es möglich ein Gefühl dafür zu bekommen, dass niemand einen fies entwerten darf?

Wie kann man sich diese Grenzen so stark aufbauen, dass es tatsächlich niemand schafft, einen so zu erniedrigen, dass man sich selbst würdelos findet?

Durch die positive Vorstellung, wie dies sein muss (wie denn?), Würde bewahren zu können, und durch Erleben von Würde in Beziehungen?

Wie muss man sich das vorstellen, ein Gefühl von Würde zu haben (sein zu dürfen, ok zu sein) und bewahren zu können? Und woran merken jetzt z.B. Sie, wenn Sie in Ihrer Würde verletzt werden?

LG und einen schönen Abend, nicky

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nicky20
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Beitrag von nicky20 » Di Apr 28, 2009 3:31 pm

Lieber Carsten, darf ich das auch dich fragen?
Wie muss man sich das vorstellen, ein Gefühl von Würde zu haben (sein zu dürfen, ok zu sein) und bewahren zu können? Und woran merken jetzt z.B. Sie, wenn Sie in Ihrer Würde verletzt werden?

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Beitrag von Mahasthamaprapta » Di Apr 28, 2009 4:07 pm

Gute Frage nicky20, das interessiert mich auch sehr.

Hast du eigentlich "The Broken Mirror" von Katharine A. Phillips schon gelesen? Habe es mir gerade günstig besorgt, für das Therapiemanual reicht derzeit mein Geld (noch) nicht (da ich es für Kleidung und Kosmetik rausschmeiße :roll:).

Dipl.-Psych. S.Brunhoeber
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Beitrag von Dipl.-Psych. S.Brunhoeber » Di Apr 28, 2009 6:20 pm

Hallo Nicky,
ich habe eine bedingte Annahme, wie Sie auch im Buch erklärten (S. 130 und S. 164): Wenn ich schlecht aussehe, dann darf mich jeder fertig machen dafür, dann braucht niemand mehr Respekt zu wahren, werde entwürdigt. Wenn ich schlecht aussehe, findet es niemand wichtig, mich würdevoll zu behandeln, sondern spricht mir jegliche Würde ab und nimmt keine Rücksicht auf meine Gefühle.
Daher ist es enorm wichtig, nicht schlecht auszusehen. Sonst habe ich keine Würde und da mir jegliche Würde abgesprochen wird und die Leute mich minderwertig finden (sodass sie mich evtl. auch wieder mobben würden), habe ich auch schlechtere Chancen im Berufs- und Privatleben. Also muss ich UNBEDINGT mein Aussehen verändern und gut aussehen und habe eine RIESENPANIK davor, schlecht auszusehen.
Hier sind Expostionsübungen das Mittel der Wahl. Gehen Sie bewusst auf die Straße und sehen unperfekt aus, machen Sie sich mal nicht richtig zurecht, lassen Sie was weg, verwischen Sie absichtlich Ihre Schminke, tragen Sie unpassende Kleidung usw. Durch diese Übungen werden Sie merken, dass Ihre Befürchtungen, entwürdigt zu werden, höchstwahrscheinlich nicht eintreten. Diese Erfahrungen werden Sie sicherer machen.
Eine viel logischere Alternative ist: Niemand darf mich entwürdigen, unabhängig davon wie ich aussehe, und wenn einer es nur schon versucht, mir die Würde abzusprechen, kriegt er eins aufs Dach. Ich finde ja auch nicht, dass andere entwürdigt werden dürfen.
Völlig richtig!
Dann taucht jetzt die Frage auf: Wie ist es möglich ein Gefühl dafür zu bekommen, dass niemand einen fies entwerten darf?
Eine ganz einfache und vermutlich doch schwierige Antwort: Weil ich keine Lust habe mich schlecht zu fühlen. Ich mag das Gefühl nicht, also möchte ich nicht das jemand mit mir so umgeht.
Wie muss man sich das vorstellen, ein Gefühl von Würde zu haben (sein zu dürfen, ok zu sein) und bewahren zu können? Und woran merken jetzt z.B. Sie, wenn Sie in Ihrer Würde verletzt werden?
Ich merke es an meinem Gefühl. Wenn bei mir Ärger, Wut, Verletztheit usw. hochkommt, zeigt mir dies an, dass jemand meine Grenze überschritten hat. Die Wut und der Ärger verschaffen mir dann die nötige Energie mich entsprechend zu wehren. Ich tauche dann ein in das Gefühl des Ärgers und der Wut nutze die Energie, die z.B. in Form eines gesteigerten Kreislaufs vorhanden ist.
Wie kann man sich diese Grenzen so stark aufbauen, dass es tatsächlich niemand schafft, einen so zu erniedrigen, dass man sich selbst würdelos findet?
Eine sehr umfangreiche Frage: Um es kurz zu halten: Trainieren, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und sie von einander unterscheiden zu können. Von den einzelnen Gefühlen aus auf seine Gedanken, Bedürfnisse und Wünsche rückschließen und diese dann ernst nehmen und ihnen nachgehen und sie einfordern.
Dann geht es noch um rhetorische Fähigkeiten, diese Bedürfnisse, Wünsche, Meinungen usw. entsprechend zu vertreten. Einige Strategien sind hier z.B. Immer in der Ich-Form sprechen, seine Gefühle äußern (da kann einem keiner reinreden, da man ja selber am besten weiß wie man sich fühlt), keine Vermeidungsziele (siehe Seite 138,139) äußern, sondern Wünsche direkt ansprechen usw.

Seien Sie sich klar darüber, dass Sie am Anfang noch Probleme haben werden sich zu verteidigen und Ihnen Dinge auch nicht so gelingen werden, wie Sie sich das wünschen. Übung macht den Meister. Sie werden sich jedes Mal wieder verbessern. Versuchen Sie nicht von Anfang an perfekt zu sein, dass funktioniert sowieso nicht. Klavierspielen lernt man auch nicht an einem Tag und auch nicht dadurch, dass man das Klavierspielen theoretisch perfekt durchdenkt. Sie müssen spielen und üben. Und Sie werden Fehler machen.

Viele Grüße

Stefan Brunhoeber
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nicky20
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Beitrag von nicky20 » Fr Jun 05, 2009 11:02 am

Sehr geehrter Herr Brunhoeber,
Um es kurz zu halten: Trainieren, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und sie von einander unterscheiden zu können. Von den einzelnen Gefühlen aus auf seine Gedanken, Bedürfnisse und Wünsche rückschließen und diese dann ernst nehmen und ihnen nachgehen und sie einfordern.
Dann geht es noch um rhetorische Fähigkeiten, diese Bedürfnisse, Wünsche, Meinungen usw. entsprechend zu vertreten.
bin dran... manchmal, ganz selten, spüre ich so was wie Würde. Es wird besser.

Wie fühlen sich Menschen, die keine Angst haben vor Entwürdigung?

Sind solche Leute als Kinder so oft geknuddelt, gestreichelt und geschätzt worden, dass sie sich in jedem Augenblick irgendwie geknuddelt fühlen? Ist das so ein Normalzustand, der einem gar nicht auffällt, der aber für Leute mit sozialer Phobie/Dysmo hingegen gar nicht selbstverständlich ist?

LG, nicky

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Beitrag von Dipl.-Psych. S.Brunhoeber » Sa Jun 06, 2009 9:52 am

Wie fühlen sich Menschen, die keine Angst haben vor Entwürdigung?


Sie fühlen sich einfach mit sich zufrieden. Sie mögen das meiste an sich und das was sie an Fehlern haben können sie sich verzeihen und tolerieren. Dadurch das sie sich so annehmen wie sie sind kann sie niemand mehr entwürdigen, da sie ja eine fest positive Haltung sich selbst gegenüber haben. Daher haben sie auch keine Angst. Negative Äußerungen von außen können aufgrund der fest positiven Haltung sich selber gegenüber das eigene Selbstbild nicht ins wanken bringen. Sie fühlen sich sicher, da sie sich es nicht gefallen lassen würden, von anderen entwürdigt zu werden, da sie sich wehren würden. Und wenn dies nicht geht, würden die es gedanklich so umdrehen, dass sie selber sich nicht entwürdigt fühlen würden. Z.B. eine Bande kommt auf der Straße vorbei und bedroht einen und zwingt einen sich nackt auszuziehen, so dass man nackt von allen gesehen wurde (ein sehr konstruiertes Beispiel wie ich merke, aber egal!). Jemand der Angst vor Entwürdigung hat würde vermutlich im Nachhinein sich immer wieder da stehen sehen und darüber nachdenken, was die anderen Leute wohl gedacht haben, sich immer wieder vergegenwärtigen wie man sich gefühlt hat usw. Eine Person ohne Angst vor Würdeverlust würde vermutlich viel mehr darauf schauen, was das wohl für Arschlöcher waren, wie krank die Typen wohl sein müssen, er würde sich sagen, dass nackt sein zwar unschön ist (gerade wenn alle anderen angezogen sind, es dennoch nichts ist für das man sich schämen muss. Die Natur hat einen ja so geschaffen, es gibt nichts daran, für das man sich wirklich schämen müsste. (Schämen muss man sich im Grunde nur für die Dinge, wenn man gegen soziale Normen verstößt und das war ja in diesem Beispiel nicht der Fall. Man hat sich ja nicht freiwillig da hingestellt. Sie hierzu auch die Seiten 136-137.
Sind solche Leute als Kinder so oft geknuddelt, gestreichelt und geschätzt worden, dass sie sich in jedem Augenblick irgendwie geknuddelt fühlen? Ist das so ein Normalzustand, der einem gar nicht auffällt, der aber für Leute mit sozialer Phobie/Dysmo hingegen gar nicht selbstverständlich ist?
Nicht unbedingt. Ich habe auch Leute kennen gelernt, die eine schlechte Kindheit hatten, die aber gleichzeitig ein gutes Selbstwertgefühl hatten. Positive familiäre Erfahrungen erleichtern dies jedoch ungemein. Bei manchen können die Eltern ganz schlimm sein, dafür ist aber vielleicht die Oma oder der Opa ganz toll und schützt z.B. das Kind vor den negativen Einflüssen. Sie fühlen sich auch nicht in jedem Moment geknuddelt. Sie brauchen ab einem gewissen Alter nicht unbedingt die Rückmeldungen von außen, da sie sich dies selber geben können, indem sie nett mit sich umgehen, sich selber gut zureden, sich selber auf die Schulter klopfen usw.
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